Der zufällige Passant konnte im Morgengrauen des Karfreitags leises Rascheln und Wispern aus dem Neuseser Kirchturm hören. Um zehn vor sechs dringt statt des Glockengeläuts ein Knattern wie von tibetanischen Gebetsmühlen aus den ganz oben im Glockenstuhl angebrachten Schalllöchern. Zur Halbzeit wird es unterbrochen von einem mehrstimmigen Chor: "Das ist der Englische Gruß, den man des Tags dreimal beten muss."
In vielen katholischen Regionen ist es üblich, dass während der Passion Jesu bis zu seiner Auferstehung die Glocken schweigen. Auch die Altarschellen werden nicht verwendet. Liturgisch dauert diese Spanne vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag bis zum Gloria der Ostermette Karsamstagnacht. Dafür gibt es schöne Umschreibungen wie „Glockenfasten" oder „Die Glocken fliegen nach Rom".
Um dennoch an die Tages- und Gebetszeiten zu erinnern, treten nach uraltem Brauch statt des Angelusläutens (um 06, 12 und 18 Uhr) die Ratschenbuben oder -mädchen in Aktion. Im Rheinland werden dazu Einhandklappern verwendet, durch viele Rhöndörfer ziehen die Ministranten traditionell in Formation und kurbeln an ihren umgehängten Ratschenkästen.
Doch wie kam es zu den ministrantenhohen, keilförmigen Kästen in Neuses und ihrem muezzinhaften, zentralen Einsatz im Kirchturm? Der frühere Kirchenpfleger Herbert Müller führt die Ursache auf die Reformationszeit im 16. Jahrhundert zurück. Die Bevölkerung teilte sich damals entlang der Herrschaftslinien im Ort in etwa gleich große protestantische und katholische Fraktionen. Nach der Simultankirchenphase besaß ab 1784 jede ein eigenes Gotteshaus. Spätestens dann dürfte es an den Kartagen zu einem Konflikt zwischen feiertäglichem Läuten der einen und dem Schweigegebot der anderen gekommen sein. Jedenfalls machte der zeitaufwendige Ratschenzug durch die Straßen bei gleichzeitigem Festtagsgeläute von oben keinen Sinn. Und so könnte es zur speziellen Neuseser Tradition gekommen sein, die bis heute funktioniert.
Text und Bild: Dieter Ofenhitzer

